
Unser Schurwald braucht Schutz – keine „klimafitten“ Forstmärchen
Liebe Freunde des Waldes,
wieder erreichen uns Berichte über umfangreiche Fällungen im Schurwald - an Bäumen, die noch belaubt sind. Besonders heftig sollen die Eingriffe am Herrenbachstausee ausfallen. Dass dort größere Fällaktionen geplant sind und durchgeführt werden, ist öffentlich bekannt: Im September informierte der Forstbezirk Schurwald bei einer Waldführung darüber.
Schon seit Jahren dokumentieren und kritisieren wir umfangreiche Holzeinschläge und aufgerissene Bestände. ForstBW beschreibt entsprechende Eingriffe dagegen als normale Durchforstungen mit waldbaulichen
Einzelfallentscheidungen. Doch wohlklingende Erklärungen beantworten unsere wichtigste Frage nicht: Was bleibt vom schützenden Wald übrig?
Klimafit
– was soll das konkret heißen?
Klimafit
, zukunftsfähig
, klimagerechter Umbau
: Solche Begriffe liefern die positive Bewertung gleich mit. Noch bevor der erste Baum fällt, klingt die Maßnahme nach einer notwendigen Rettungsaktion. Wer widerspricht, steht schnell als Gegner vernünftiger Klimaanpassung da.
Diese falsche Alternative akzeptieren wir nicht. Selbstverständlich verändert sich das Klima. Daraus folgt aber nicht, dass jede Auflichtung die richtige Antwort ist. Gerade in alten Buchenbeständen zeigen Untersuchungen ein erhöhtes Schadensrisiko bei geringer Bestandsdichte.
Was heißt klimagerecht
also am Herrenbachstausee und im gesamten Schurwald? Welche Annahmen gelten? Welche Risiken wurden geprüft? Welche schonenderen Alternativen gibt es? ForstBW besitzt fachliche Richtlinien, beispielsweise zu Waldentwicklungstypen. Umso mehr erwarten wir konkrete Antworten. Ein Werbewort ersetzt keine nachvollziehbare Begründung.
Waldpflege
– als wäre der Wald ein Garten
Ähnlich bequem ist die Formulierung, Durchforstung diene der Waldpflege
. Pflege klingt nach Hilfe und behutsamer Unterstützung. Aber welches Ziel wird tatsächlich verfolgt: Schutz eines Lebensraums, Förderung bestimmter Baumarten oder Produktion verkäuflichen Holzes?
Ein Wald ist kein Garten. Er braucht nicht keine menschliche Pflege,, um als Ökosystem zu bestehen und sich weiterzuentwickeln. Schließlich gibt es den Wald viel länger als den Menschen. Wälder mit natürlicher Entwicklung sind keine verwahrlosten Flächen. Das Bundesamt für Naturschutz betont ihre zentrale Bedeutung für die biologische Vielfalt.
Das bedeutet: Eine Maßnahme ist nicht schon deshalb notwendig, weil sie Pflege
heißt. Wirtschaftliche und ökologische Ziele müssen offen benannt werden. Die Säge ist ein Werkzeug der Bewirtschaftung, des Bäumefällens, der Zerstörung von Lebensgrundlagen - kein Beweis für Fürsorge.
Das Kronendach schützt die Buche
Besonders problematisch wird die beschönigende Sprache, wenn schützende Strukturen verloren gehen. Buchen haben eine dünne, empfindliche Rinde. Werden bisher beschattete Stämme plötzlich intensiver Sonne ausgesetzt, können Sonnenbrandschäden entstehen. Der NABU Seeheim-Jugenheim beschreibt diesen Zusammenhang ausdrücklich.
Auch die Plattform Forstwirtschaft in Deutschland nennt Sonnenbrand und aufgerissene Rinde als Bestandteile des Schadensgeschehens an Buchen. Ein Eingriff betrifft deshalb möglicherweise nicht nur die gefällten Bäume, sondern auch ihre stehen gebliebenen Nachbarn.
Natürlich stirbt nicht jede freigestellte Buche. Aber wer ihren bisherigen Schutz entfernt, muss die Folgen berücksichtigen. Welche Stämme werden exponiert? Wie werden Schäden verhindert? Wer kontrolliert die verbleibenden Bäume in den folgenden Jahren?
Forstmärchen: Später ist der Klimawandel schuld!
Der Klimawandel ist real. Auch Buchen leiden unter Hitze und Trockenheit. Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft beschreibt deutliche Schäden nach Extremjahren. Gleichzeitig verweist sie auf die erhöhte Gefährdung wenn Buchenwälder aufgelichtet werden.
Beides gehört zusammen. Wenn Buchen nach Eingriffen Schäden zeigen, muss auch ihre Bewirtschaftungsgeschichte untersucht werden. Wann wurde aufgelichtet? Wie stark? Welche Bäume verloren ihren Schutz?
Das Forstmärchen beginnt dort, wo die Folgen der Bewirtschaftung aus der Erklärung verschwinden: Erst wird das Kronendach aufgerissen. Dann trifft die Sonne auf zuvor beschattete Buchenstämme und kann deren empfindliche Rinde schädigen. Sonnenbrand und aufgerissene Rinde können Eintrittspforten für holzzersetzende Pilze schaffen. Wenn ein Förster zwei Jahre später vor geschädigten Buchen steht und der Bevölkerung ausschließlich den Klimawandel als Ursache präsentiert, fehlt deshalb die entscheidende Frage: Welchen Anteil hatte die vorherige Freistellung durch die Förster? Gerade weil lichte Buchenaltbestände ein erhöhtes Schadensrisiko aufweisen, gehört die Bewirtschaftungsgeschichte zwingend zur Ursachenprüfung.
Bayern: Die Buche ist nicht abgeschrieben
Die bayerische Landesanstalt sieht für die Buche weiterhin eine wichtige Rolle in großen Teilen Bayerns. Bei raschem Klimawandel kann ihre Konkurrenzkraft allerdings abnehmen. Das ist weder eine Überlebensgarantie noch ein Abschied von dieser Baumart.
Als Ansätze nennt die Fachveröffentlichung gemischte, strukturreiche Bestände, frühzeitige Förderung vitaler Einzelbäume und unbehandelte Zwischenfelder. Sie berichtet außerdem von signifikant häufigeren Kronen- und Stammschäden in lichten Buchenaltbeständen.
Die Botschaft ist deutlich: Nicht möglichst viel eingreifen, sondern differenziert handeln. Auch Zurückhaltung gehört zur Verantwortung des Försters.
Lübeck zeigt: Weniger Eingriffe sind eine echte Alternative
Der Lübecker Stadtwald verfolgt seit 1994 ein Konzept naturnaher Waldnutzung. Die Bewirtschaftung orientiert sich an natürlichen Prozessen; störende Eingriffe sollen minimiert werden. Holz wird weiterhin genutzt, aber innerhalb des ökologischen Rahmens. Das Zentrum Klimaanpassung stellt Lübeck als Praxisbeispiel für einen klimaresilienten Wald vor.
Mindestens zehn Prozent der Waldfläche sind als repräsentative Referenzflächen vorgesehen. Dort erfolgen mit Ausnahme der Jagd keine Eingriffe. Ihre Entwicklung wird beobachtet und mit bewirtschafteten Flächen verglichen. Der Wald selbst wird zum Lehrmeister für die Förster.
Nicht jeder Standort ist Lübeck. Aber das Beispiel zeigt: Zukunftssicherung muss nicht immer mehr Steuerung und mehr Säge bedeuten. Welche Erfahrungen daraus nutzt ForstBW im Schurwald?
59,23 Millionen Euro Fehlbetrag vor Landeszuführungen
Zur Debatte gehört auch die wirtschaftliche Seite. Der Wirtschaftsplan im Staatshaushaltsplan 2025/2026 (S. 262 ff.) weist für ForstBW 2026 einen geplanten Fehlbetrag von 59.225.400 Euro vor Landeszuführungen aus. Für 2025 beträgt der entsprechende geplante Fehlbetrag 56.178.900 Euro.
Förster unter Druck: wer bestimmt die Richtung?
Nach den uns übermittelten Gesprächsberichten gibt es auch Förster, welche die Maßnahmen kritisch sehen. Ihnen wird die Aussage zugeschrieben, dass wirtschaftliche Zwänge die Arbeit im Wald massiv beeinflussen
.
Schwammwald statt Kahlschlag
Wir fordern einen Schurwald, der Wasser aufnimmt und zurückhält, statt es schnell abfließen zu lassen. Dafür brauchen wir schützende Kronendächer, humusreiche, tief durchwurzelte Böden und Totholz. Wasserrückhalt muss Vorrang vor kurzfristiger Holzentnahme bekommen.
Das bedeutet: starke Auflichtungen vermeiden, Befahrungen deutlich reduzieren, Bodenverdichtung verhindern und Entwässerungsstrukturen zurückbauen. Geschädigte Flächen müssen sich rasch wieder zu naturnahen, strukturreichen Beständen entwickeln können. Wir fordern ein verbindliches Landesprogramm Schwammwald Baden-Württemberg
– dauerhaft finanziert und mit öffentlich überprüfbaren Zielen.
ForstBW muss offenlegen, wie Eingriffe den Boden, das Kronendach und den Wasserhaushalt beeinflussen. Unser Schurwald braucht keine Marketing-Verpackung für riskante Eingriffe. Er braucht wirksamen Schutz – vor Austrocknung ebenso wie vor beschleunigtem Wasserabfluss bei Starkregen.



